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Nachrichten aus der Pflege | 16. August 2017

Altenpflege 2030

Diana Auth untersucht die Rahmenbedingungen der pflegerischen Versorgung in Deutschland in den letzten Jahrzehnten. Was sie dabei heraus fand und welche Konsequenzen sich ergeben kann auf 500 Seiten nachgelesen werden.

2017 ist Bundestagswahl. Eine gute Gelegenheit um darüber nachzudenken, wie es in gut zehn Jahren in der Altenpflege aussehen wird. Dann komme ich, wie so viele aus der Baby-Boomer Generation, langsam ins Rentenalter. Welche Probleme wird die Altenpflege im Jahr 2030 haben? Über welche Ressourcen dürfen wir nachdenken? Wie können Ziele formuliert werden, die in der deutschen Gesellschaft mehrheitsfähig wären? Und welche Maßnahmen müssten ergriffen werden, um diese Ziele zu erreichen?
Auf der Suche nach Überlegungen zur Zukunft der Pflege stoße ich auf das Buch von Diana Auth: Pflegearbeit in Zeiten der Ökonomisierung.

Die Politikwissenschaftlerin analysiert die Entwicklungen in der Pflegewirtschaft über die letzten Jahrzehnte. Sie nimmt nicht nur die professionelle Pflege in den Blick. Ihr Thema ist die Gesamtheit der in unserer Gesellschaft nötigen Pflegearbeiten. Dazu muss sie die Leistungen der pflegenden Angehörigen einbeziehen. Sie reflektiert auch die Situation von Arbeitsmigrantinnen, die hier als Angestellte in Krankenhäusern und Altenheimen arbeiten oder sich in den Grauzonen der „24 Stunden Haushaltshilfen“ verdingen. „Diana Auth stellt das Ziel einer geschlechtergerechten Bewältigung des Care-Defizit ... in den Fokus ihrer Studie.“ (Verlagstext) Und dann vergleicht die Autorin: Was hat sich in Großbritannien, Schweden und Deutschland entwickelt.

Seit dem 1. Januar 2017 gilt in Deutschland ein neues Konzept von Pflegebedürftigkeit. Diana Auth beschreibt anschaulich, dass in Schweden und GB weniger auf nationale Regeln gesetzt wird. Die Zuständigen haben sehr viel größere Entscheidungsspielräume, wenn über den Hilfebedarf der Menschen entschieden wird (Abschnitt 4.6). Sie beschreibt, wie seit den 1990 Jahren in Schweden, die Verantwortung für die Zuweisungen pflegerischer Unterstützung in die Kommunen verschoben wurde (Abschnitt 15.1). Das sollte lesen, wer in Deutschland mehr Verantwortung der Städte und Gemeinden für die (Alten)-Pflege fordert.
Auth liefert auch Antworten zu Fragen wie: „Entstehen neue Pflegearbeitsformen zwischen beruflicher und familiärer sowie zwischen bezahlter und unbezahlter Pflege? Zeichnen sich Präkarisierungstendenzen ab oder sind die Pflegearbeitsformen im Laufe der Zeit besser abgesichert worden?“ (Seite 16)
Seit mehr als 10 Jahren verfolge ich die medialen Debatten zur Pflege. Da ist definitiv eine Lücke, in die Auths Arbeit stößt.

Ökonomisierung lässt sich für die Altenpflege in Deutschland in Minutenpflege übersetzen. Viel Kritik an Entscheidungen der Pflegekassen und am Alltagsleben in Pflegeheimen ranken seit Einführung der Pflegeversicherung um diesen Begriff. Viele Altenpflegeprofis haben den Beruf verlassen und sprechen rückblickend von Frühdiensten als „Waschstraße“.
An vielen Stellen liefert Auth wichtige Hintergrundinformationen zu den Rahmenbedingungen, die zu Burn Out und Berufsausstieg führen.

Auf nur 500 Seiten können viele Fragen, die in der aktuellen pflegepolitischen Debatte wichtig sind, nicht beantwortet werden: Welche Rolle könnten Pflegekammern bei der Sicherstellung verlässlicher Pflegerischer Versorgung der Bürger*innen spielen? In welchem Umfang trüge eine einheitliche Pflegeausbildung dazu bei, mehr Pflegeprofis auszubilden? Welche Fördermaßnahmen machen es pflegenden Angehörigen möglich, auf Dauer ihre Lieben zu versorgen und was läuft eher ins Leere?
Schade, dass dem Buch kein Stichwortregister gegönnt wurde.

2017 ist Bundestagswahl. Das bringt die Pflegepolitik in die Reden der Kandidierenden. In der letzten Legislaturperiode wurden mit viel Medienaufmerksamkeit einige Veränderungen für die Pflege beschlossen. Es bleibt ein schaler Eindruck. Ein Beispiel:
Die Reform der Ausbildung der drei Pflegeberufe: Altenpflege, allgemeine und Kinder- sowie Gesundheits- und Krankenpflege, wurde in diesem Jahr endlich beschlossen. Dem waren mehr als zehn Jahre fachpolitische Debatte vorausgegangen. Auf Beschluss des Bundestages wird wahrscheinlich, irgendwie, etwas geändert werden, es könnte aber auch Vieles beim Alten bleiben. Und in wenigen Jahren soll nochmals entschieden werden.
Selbst wenn die Generalistik so umgesetzt worden wäre, wie es die Berufsverbände gefordert hatten, so wäre das nur ein kleiner Beitrag zur Lösung der großen Probleme gewesen. Schon heute gibt es im Alltag der Profipflege Schwierigkeiten mit antiquierten Elementen in der Ausbildung. Es lassen sich seit Jahren zu wenige junge Menschen für die Pflegeausbildung gewinnen. In dem Klein–Klein der parteipolitischen Auseinandersetzungen und den Abwägungen der Lobby–Politik ging die Perspektive verloren. Die weitgehende Mutlosigkeit in den Entscheidungsgremien wirkt völlig absurd angesichts der offensichtlichen Herausforderungen.

In wenigen Monaten werden Arbeitskreise besetzt und wissenschaftliche Mitarbeiter*innen für Bundestagsabgeordnete gesucht. In den Pflegekammern werden Positionspapiere erarbeitet, die sich mit der menschenwürdigen Versorgung von Pflegebedürftigen 2030 und darüber hinaus auseinandersetzen.
Ich wünsche der Pflegearbeit in Zeiten der Ökonomisierung viele aufmerksam Lesende!

Georg Paaßen

Auth, Diana:
Pflegearbeit in Zeiten der Ökonomisierung
Wandel von Care-Regimen in Großbritannien, Schweden und Deutschland.

Verlag Westfälisches Dampfboot, Paperback, Münster, 2017, 500 Seiten, 44 €
Bestellseite beim Mabuse Buchversand.

Pflegewirtschaft hofft auf Hilfe aus Asien und Afrika Artikel im Handelsblatt vom 9. August 2017.
Wahlentscheidung wegen Altenpflege, unser Beitrag vom 22. Februar 2017.
Kommunale Verantwortung in der Pflege endlich stärken, Stellungnahme des Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) (Mai 2016).
Homepage der Initiative gegen Armut durch Pflege.

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Letzte Aktualisierung: 19.09.2017