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Zur Vorlesefunktion

Pflegegrad 3
schwere Beeinträchtigungen der Selbstständigkeit

Bei Pflegegrad 3 liegen „schwere Beein­trächti­gungen der Selbst­ständigkeit oder der Fähigkeiten“ vor (Definition aus §15 SGB XI). Bei der Begutachtung werden 47,5 bis unter 70 Gesamtpunkte erreicht. (Der Zeitaufwand der Pflegepersonen wird bei der Einstufung in Pflegegrade nicht mehr berechnet.) Die meisten Menschen mit Pflegegrad 3 benötigen mehr als einmal täglich, auch an Wochen­enden, Unter­stützung bei der Selbstversorgung und Haushaltshilfen durch eine Pflegeperson.

Ein Pflegegrad muss von den Versich­erten beantragt werden. Dazu genügt ein form­loses Schreiben an die Pflegekasse, die über die Krankenkasse zu erreichen ist.
Mehr zum Antrag auf einen Pflegegrad... (Hier finden Sie auch einen Muster Brief.)
Im Auftrag der Pflegekassen schickt (meist) der MDK Gutachtende zu den Antrag­stellenden. Sie sollen beurteilen, wie weit die Selbst­ständig­keit erhalten ist. Dazu werden die Verrichtungen des Alltags in acht Module und 65 Merkmale eingeteilt. Sie sehen: wieviel Stunden für die Pflege aufgewandt werden müssen, also der Zeitaufwand der bei den Pflegestufen so wichtig war, spielt keine Rolle mehr.

eRolliMenschen, denen mit dem Bescheid der Pflegekasse mindestens der Pflegegrad 2 zugestanden wird, bekommen regelmäßige Leistungen. Die wichtigsten sind:

Die gesetz­lichen Pflegekassen, egal ob AOK, Barmer oder BKK, haben alle die selben Verpflicht­ungen. Die privaten Pflegeversicherungen müssen sich auch an diese Regeln halten. (Private Pflegezusatzversicherungen sind etwas völlig anderes.)
Vollständige Liste der Leistungen.

Zu aktuellen Überlegungen zur Zukunft der Pflegeversicherung ...

Punkt Geldzahlungen bei Pflegegrad 3

Die wichtig­sten Geldleistungen bei Pflegegrad 3: monatlich 1298€ „Sachleistung“. (Das ist Büro­kraten­deutsch. Es bedeutet: Kommt jemand vom aner­kannten Pflegedienst, werden die Kosten als Sachleistung direkt mit der Pflegekasse abge­rechnet.) Wird dieses Budget nicht ausge­schöpft, kann das Pflegegeld antei­lig ausge­zahlt werden. Eine Beispiel­rechnung finden Sie unter dem Stichwort Kombinationsleistungen (Kombileistung).
Als Pflegegeld werden 545€ gezahlt. Dieser Betrag wird in der Regel ausge­geben um Angehörige für ihre pflegerischen Hilfen zu entschädigen.
Der monatliche Entlastungsbetrag (125€) ist in erster Linie für „Hauswirtschaft und Betreuung“ gedacht. Auch dieser Betrag kann, so wie die Sachleistungen, nur mit einer aner­kannten Ein­richt­ung abge­rechnet werden. Es ist möglich nicht bean­spruchte Entlastungsbeträge bis zum Juni des Folge­jahres zu verbrauchen (DAlzG, 2018a).
In vielen Gemeinden gibt es Projekte, die Alltagshilfen anbie­ten. Langzeit­arbeits­lose bekommen „1–Euro–Jobs“ und Senior*innen können länger selbst­ständig in ihrer Wohnung leben (Rheinische Post). Im Main-Tauber Kreis schließen sich Land­frauen zusam­men, um in diesem Bereich arbeiten zu können (Mann­heimer Morgen)... Ob es in Ihrer Nähe passende Ange­bote gibt? Ein Anruf im Pflegestützpunkt sollte genügen. Bis Ende 2018 könnte es möglich sein, noch Ansprüche aus 2016 geltend zu machen (NWZ, 2018).
Es können Ausgaben für Pflegehilfsmittel bis zu 40€ pro Monat erstattet werden. (Ihr Sani­täts­haus berät Sie sicher gern!)
Heimkosten: Ein Altenheim bekommt als Zuschuss 1262€ von der Pflegekasse. Im April 2018 werden als pflegebedingter Eigenanteil im Durch­schnitt gut 600€ pro Monat fällig. Das reicht von 237€ in Thür­ingen bis 872€ in Berlin (Süddeutsche, 2018b).
Egal ob AOK, Barmer, BKK oder Knappschaft: alle gesetz­lichen Kassen haben die gleichen Ver­pflicht­ungen. (Die Leistungen der pri­vaten Pflegeversicherung sind sehr ähnlich.)
Wer pflegebedürftigen Nachbarn oder Angehörigen hilft, könnte dabei unter dem Schutz der gesetzlichen Unfallversicherung stehen. Unter Umständen werden Beiträge zur Arbeitslosen- und zur Rentenversicherung für die Pflegepersonen gezahlt.
Von der gesetzlichen Krankenversicherung werden „Kosten für Fahrten zur ambulanten Behandlung“ mit dem Taxi oder einem Kranken­trans­port zum Beispiel dann erstat­tet, wenn Versicherte die „Einstufung in den Pflegegrad 3, 4 oder 5 nachweisen können. Bei der Einstufung in den Pflegegrad 3 muss zugleich eine dauer­hafte Beein­trächti­gung der Mobilität vorliegen, die einen Bedarf an einer Be­förder­ung zur Folge hat“ (GKV, 2018). Die nötigen Be­scheini­gungen werden in der Arzt­praxis ausgestellt.
In den Broschüren der Pflegekassen finden Sie auch Tipps zur Pflegezeit. So werden verschie­dene Leistungen bezeichnet. Für alle gilt: 2018 werden sie, wegen erheb­licher büro­krat­ischer Hürden, selten in Anspruch genommen. Details zur Pflegezeit.

Was steht mir zu?
Zur vollständigen Liste der Leistungen aus der gesetz­lichen Pflegeversicherung.
Es gibt viele weitere staatliche Leistungen bei Pflegebedürftigkeit:
Zum Beispiel: In Bayern soll 2018 begonnen werden ab Pflegegrad 2 ein bayerisches Pflegegeld von 1000€ pro Jahr zu zahlen.
Nutzen Sie die Beratungsangebote der Pflegestützpunkte!

Wer Unterstützung bei pflegerischen Verrichtungen braucht, benötigt oft vielerlei Leistungen der Krankenkassen. Zu­zahl­ungen, die den Pflegebedürftigen abver­langt werden, sind nicht ohne. So wurde eine Belastungsgrenze fest gelegt. Sie „liegt bei 2% der Brutto­einkünfte zum Lebens­unterhalt aller im Haushalt lebenden Personen pro Kalender­jahr. Bei chronisch Kranken liegt die Grenze bei 1%.“ (VZ) Rufen Sie bei Ihrer Krankenkasse an und lassen Sie sich beraten!
Infos der Verbraucherzentrale (VZ).
Viele Medikamente sind von der Zuzahlung befreit. Die Krankenversicherungen stellen dazu jeweils ak­tuelle Listen bereit:
Themenseite: Befreiungsliste Arzneimittel auf www.gkv-spitzenverband.de.

Punkt Umbaumaßnahmen

Auch bei Pflegegrad 3 besteht Anspruch auf finanz­ielle Unter­stützung bei Umbaumaßnahmen. Das ist im § 40 (4) SGB XI geregelt. Wichtig: Grund­sätzlich muss der Antrag von der Pflegekasse genehmigt werden, bevor die Maßnahme durchgeführt wird.
Es wird von „Wohnumfeld verbessernden Maßnahmen“ geschrieben. Dabei geht es in der Regel um fest einge­baute Gerät­schaften. Zum Beispiel: ein Griff an der Wand neben dem Bett oder die Install­ation eines Treppenlifters, der mehr als 10000€ kosten kann, gehört in diese Gruppe (Müller, 2018). Auch die Kosten für einen Umzug in eine behinderten­gerechte Wohnung können (teil­weise) übernommen werden.
Neben den Pflegekassen gibt es auch andere finanzielle Hilfen. Bis zu 1600€ Zuschuss können für Maß­nahmen zum Einbruch­schutz in Bestands­immobilien gewährt werden. Bis zu 50000€ Kredit ab 0,75 % Zinsen könnte es für Umbauten geben, die Barrieren mindern. (Stand August 2018) Dieses Geld von der Bundes­regierung wird über die KfW vergeben. Auch von den Bundes­ländern, zum Beispiel Nieder­sachsen und Branden­burg, gibt es Fördermittel für senioren­gerechte Umbauten (Handels­blatt, 2018b). Die Pflegestützpunkte sollten auch zu solchen Förder­program­men beraten können.
Mehr zu „Umbaumaßnahmen“.
Ein elektrisch höhen­verstellbares Krankenbett wird gesetzlich nicht zu den Umbaumaßnahmen gerechnet, sondern ist ein Hilfsmittel. Hilfsmittel können ärztlich verordnet und von der Kranken- bzw. Pflegekasse bezahlt werden.

Punkt Beratung

Wer Leistungen zum Pflegegrad 3 bekommt, muss zwei mal im Jahr Pflegeberatung in der eigenen Wohnung in Anspruch nehmen (§ 37(3) SGB XI). Meist­ens werden solche Beratungen von ambulanten Pflege­diensten durchgeführt. Häufige Themen sind Hilfsmittel wie Badelifter oder Transferhilfen. Oft geht es auch um rücken­schonende Hebe­techni­ken oder Mög­lich­keiten der Schmerz­therapie. (Haben Sie Fragen zu „Morphium“? Oft ist ein persön­liches Gespräch mit einer Pflege­fachperson hilfreicher, als Info­blätter wie dieses.) Für Men­schen die Urin/Stuhlgang nicht kontrol­lieren können, stehen erhelb­lich mehr Hilfsmittel zur Ver­fügung, als nur die bekann­ten Einlagen. Zum Beispiel: Für Männer gibt es Condomurinale, die selbst­ständig ange­legt werden können. Pflegebedürftige, wie Angehörige nutzen diese Termine viel zu selten als Chance, um Fragen aus dem Pflege­alltag zu klären (MAZ, 2018).
Nutzen Sie die Gelegenheit um vom Wissen der Pflege­profis zu profitieren!
[Mehr zur Pflegeberatung ...]
Möchten Sie gegen die Entschei­dung zum Pflegegrad Widerspruch einlegen? Dazu können wir Sie individuell beraten.

Punkt Pflegende Angehörige

Wer einen pflegebedürftigen Familienangehörigen ver­sorgt, erbringt täglich Höchst­leistungen! Nicht selten führt das zu körper­licher und psy­chischer Über­lastung. Das Gefühl ständig in Bereit­schaft sein zu müssen und immer weniger soziale Kontakte außer­halb der Pflege­verant­wortung zu haben, geht an die Substanz. Eigentlich täglich irgend etwas für die Pflegebedürftigen tun zu müssen, lässt kaum Zeit und Energie für eigene Interessen.
Fallen die pflegenden Angehörigen aus, können Leistungen zur Kurzzeitpflege oder Verhinderungspflege in Anspruch genommen werden. So werden Angehörige unter­stützt, wenn Sie Zum Beispiel Urlaub von der Pflege machen möchten (MoMa, 2018).
Im Auftrag des Deut­schen Gewerk­schafts­bundes (DGB) werden Beschäftigte regel­mäßig zur Qualität der Arbeit befragt. 2017 ging es auch um die Verein­barkeit von Pflege­verant­wortung und Erwerbs­arbeit. „Dabei kam heraus, dass jeder elfte Beschäf­tigte neben seiner beruf­lichen Tätigkeit eine oder sogar mehrere Personen zu Hause pflegt, was zu Proble­men führt. Teilzeit würde zwar helfen, doch dann entstehen finan­zielle Lücken. Über­wiegend Frauen und ältere Beschäf­tigte über­nehmen die Pflege­verantwortung in der Familie. Im Durch­schnitt kostet sie das 13,3 Stunden pro Woche.“ (VerDi, 2018) Diese Zahlen unter­streichen die gesell­schaftliche Bedeutung der Leistungen pflegender Angehöriger.
Über ein Raha­bilitations­angebot: Auszeit für pflegende Angehörige. Eine Internet­suche nach Pflegehotel bringt zig Treffer ... die Qualität der Angebote schwankt aber sehr.
Mehr über Pflegende Angehörige

Sozialversicherung der Pflegepersonen
Wenn mindestens Pflegegrad 2 zugestanden wurde, können pflegende Angehörige in der gesetzlichen Unfall– und Rentenversicherung abgesichert werden.

Auch „nicht gewerblich Pflegende“ (in der Regel Familienmitglieder oder Nachbarn) könnten, während sie den Pflegebedürftigen helfen, einen Unfall erleiden. Beispiele: Ein Sturz von der Leiter beim Auf­hängen von Gardinen, ein Knöchel­bruch beim Umgang mit dem Treppenlifter oder ein Band­scheiben­vorfall im Zusammen­hang mit dem Verlassen der Badewanne.
[Details zur Unfallversicherung der Pflegepersonen]

Aus den Mitteln der Pflegeversicherung können auch Beiträge zur gesetz­lichen Arbeitslosen- und zur Renten­versicherung der Pflegepersonen gezahlt werden. Die ent­stehenden Renten­ansprüche sind nicht über­wältigend, aber immerhin.
[Details zur Rentenversicherung der Pflegepersonen]
Aus der Beratung: ⁇ Mir wurde Pflegegrad 2 bewilligt. Wird das Pflegegeld auf die Hartz IV (ALG II) Leistungen angerechnet?
‼ Dazu steht was in § 13 (5) SGB XI: »Die Leistungen der Pflegeversicherung bleiben als Ein­kommen bei Sozial­leistungen und bei Leistungen nach dem Asyl­bewerber­leistungs­gesetz, deren Gewähr­ung von anderen Einkommen abhängig ist, unbe­rück­sichtigt ...« Das sollte Ihre Frage beantworten.
Es ergibt sich aber sofort das nächste Problem: Falls Sie einen Teil des Pflegegeldes an eine Pflegeperson geben, die Arbeits­losen­geld II bekommt, wird es dann bei der Pflegeperson angerechnet? Das ist nicht einfach zu beant­worten. Grund­sätzlich: Der Gesetz­geber lässt so wenig Pflegegeld zahlen, dass es in keinem wirtschaft­lichen Verhält­nis zum fest­gestellten Pflege­aufwand steht. Der Gesetz­geber hat in jeder Reform der Pflege­ver­sicherung betont, wie wichtig die Angehörigen­pflege ist. Also wäre es politisch wider­sinnig solche Zahlungen bei Sozialhilfe oder ALG II anzurechnen. Das ist aber keine verbind­liche Vorgabe. Lassen Sie sich vor Ort beraten!
[‼️ Diese Erklär­ungen sind nur als allgemeine Infor­mation gedacht. Wie in allen juris­tischen Fragen empfehlen wir Ihnen dringend Ihre indivi­duelle Situation von einer quali­fizier­ten Rechts­beratung (Berufs­verbände, Verbraucher­beratung, Rechts­anwälte) prüfen zu lassen. ‼️]

Allgemein zum Pflegegeld:
„Da die tatsächlichen Kosten für die Pflege das gebüh­rende Pflegegeld in den meisten Fällen über­steigen, kann das Pflegegeld nur als pauschal­ierter Beitrag zu den Kosten der erforder­lichen Pflege verstan­den werden.“ Dieser Satz stammt von www.gesundheit.gv.at und zeigt, dass sich nicht nur der Gesetz­geber in Deut­schland mit der Unter­stützung der informellen Pflege schwer tut.

Punkt Widerspruch

Bei der Pflegekasse wird entschieden, ob und welchen Pflegegrad Sie bekommen. Wenn Sie mit dieser Entschei­dung unzu­frieden sind, ist es eine gute Idee, das Gutachten des MDK genau zu lesen. Dort wird Schritt für Schritt gezeigt, wie die Empfehlung zum Pflegegrad zustande kam. Sie können gegen die Entscheid­ung der Pflegekasse Widerspruch einlegen. Dazu können wir Sie individuell beraten.
Wir haben unsere Kenntnisse in der Altenpflege erworben. Zu Pflegegraden bei Kindern können wir sie nicht beraten.

Punkt Überleitung

Wer im Dezember 2016 schon Leistungen aus der Pflegeversicherung bekam, wird zum Januar 2017 automatisch auf Pflegegrade umgestellt. Aus Pflegestufe 2 wird Pflegegrad 3.
Wer im Dezember 2016 Pflegestufe 1 und zusätzlich die „eingeschränkte Alltags­kompetenz“ bescheinigt hat, wird zum Januar 2017 auto­matisch auf Pflegegrad 3 umgestellt.
Die Pflegebedürftigen selbst mussten nicht aktiv werden.
Details zur Überleitung.

Die Bundesregierung will die Umsetzung der Pflegereformen (PSG II und PSG III) systematisch wissen­schaftlich begleiten lassen. „Die Eva­luation solle Erkennt­nisse zu der Frage liefern, inwieweit die beab­sichtigten Wirkungen vor allem des zweiten und dritten Pflegestärkungs­gesetzes einge­treten seien. Überprüft würden dabei alle betei­ligten Akteure, um even­tuelle Optimie­rungs- und Anpas­sungs­möglich­keiten auszuloten.“ (Millich, 2017)

Pflegegrad 1
Pflegegrad 2
Pflegegrad 4
Pflegegrad 5
Allgemeine Informationen zu den Pflegegraden.

Quellen:
– BRi, 2016
– Deutsche Alzheimer Gesellschaft (DAlzG), 2018a
– GKV–Spitzenverband, 2018
– Handelsblatt, 2018b
– Mannheimer Morgen, 2018
– Märkische Allgemeine (MAZ) 2018
– Millich, 2017
– MoMa (Morgenmagazin), 2018
– Müller, Benedikt (2018) auf www.sueddeutsche.de
– NWZ, Nordwest Zeitung, 2018
– Rheinische Post, 2018a
– Süddeutsche, 2018b
[ausführliche Quellenangaben]

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Letzte Aktualisierung: 09.12.2018